Und ein letztes Mal über die Anden

Nachdem Horst in San Pedro Schmerzen an seinem Nacken verspürte und den Kopf kaum mehr nach links drehen konnte , entschlossen wir uns, die Route ab Calama zu ändern, denn die geplante Strecke wäre weiter auf schlechten Schotterpisten verlaufen und dies hätte wegen der ständigen Schüttelei kaum zur Besserung beigetragen. Per Bus fuhren wir von Calama nach Arica an die Pazifikküste und verbrachten dort die Ostertage. Von Ostern merkten wir allerdings nicht viel, nur dass die Busse am Gründonnerstag alle ausgebucht waren, weil die auswärts Arbeitenden zu ihren Familien nach Hause reisen wollten. So waren wir gezwungen, noch einen Tag länger in Calama zu bleiben. Wie so oft bei Bustransfers mit Velos gab es eine gewisse Hektik beim Verladen der Velos. Die Busfahrt war durch die Nacht und so erreichten wir am Ostersamstag um 8 Uhr Arica. Oh Schreck, der Inbusschlüssel der Sattelstütze war nicht mehr auffindbar. Viele Geschäfte blieben über die Ostertage geschlossen, so auch die Fahrradgeschäfte. Aber es gibt ja zum Glück noch Ferreterias (Eisenwarengeschäfte) in den Städten. Nach einigem Durchfragen beschrieb uns ein Einheimischer den Weg zur nächsten grösseren Ferreteria. Horst musste stehend mit dem Velo durch die Gegend fahren. Na ja, eine Andenüberquerung ohne Sattel wäre mal etwas Neues :-). Wir hatten Glück, einige Geschäfte hatten geöffnet, auch die Ferreteria,und genau die Grösse des Schlüssels war auf Lager. Das Problem war gelöst.
Die Küste bot uns eine schöne Abwechslung zur Vulkanlandschaft, in welcher wir uns über 1 1/2 Monate aufgehalten hatten. Unzählige Pelikane warteten im Hafen von Arica auf die Fischabfälle von den Fischern und Fabriken und eine Seelöwenkolonie räkelte sich auf den Hafenfelsen. Viele Surfer genossen die hohen Wellen des Pazifik. Und wir erfreuten uns einfach, dem Geschehen zuzusehen.
Nach den Ostertagen waren wir ausgeruht und bereit für die nächste grössere Etappe, nämlich die dritte Überquerung der Anden von Arica nach La Paz, über 580 km auf geteerter Strasse, genannt Ruta del Desierto. Auf über 4'600 m gilt es wieder zu steigen. Es ist die Truckroute der Bolivianer, welche Handelswaren vom Hafen Arica ins Heimatland transportieren.
Wir verliessen Arica und fuhren durch das Valle de Rio Lluta, in welchem für die Region Gemüse und Früchte angebaut werden. An diversen Stellen im Sandgestein sind Geoglyphen zu sehen. Das grüne Tal schlängelt sich zwischen den riesigen Sanddünen der Atacamawüste durch. Die Ruta del Desierto steigt vom Tal stetig an. Nach 2 Tagen waren wir bereits wieder auf 3'150 m. Am späteren Nachmittag kamen wir im Pueblo Mallku an. Dort lebt eine Familie seit 23 Jahren in der Wüste. Die Eltern sind viel in der Welt unterwegs gewesen und haben in diversen Ländern gelebt. Sie haben sich eines Tages entschieden, in die Wüste zu ziehen und sich von der Gesellschaft und insbesondere dem System zu verabschieden, wohnten erst im Zelt und bauten sich nach und nach eine Hütte, welche mit selbstgebauter Windenergieanlage versorgt wird. Das Wasser leiten sie vom Gebirge ab. Die 3 Kinder werden in der Heimschule unterrichtet. Sie leben von vorbeikommenden Touristen und Truckfahrern, bieten Essen und Getränke an und unterrichten Schüler von Städten über das Leben in der Wüste. Wir führten sehr interessante Gespräche mit diesen Leuten, wurden herzlich betreut und bekocht. Zum Frühstück gab es selbstgebackenes Brot. Andrea hat uns noch den Puls und die Sauerstoffwerte gemessen, um zu sehen, ob es uns in der Höhe auch wirklich gut geht.
Vom Pueblo Mallku gings weiter nach Putre, einem kleinen Andendorf, welches sich, wie wir feststellen konnten, langsam zu einem Touristenort entwickelt. Nun waren wir bereits wieder auf 3'500 m angelangt. Auf der ganzen Strecke haben uns viele bolivianische Trucks überholt, aber mit respektvollem Abstand und viele Chauffeure hupten und winkten uns, oder hielten den Daumen hoch. Die Strecke ist nicht ungefährlich, viele Kreuze und Gedenkstätten säumen den Strassenrand. Die LKWs fahren hier Tag und Nacht und offenbar werden es jedes Jahr mehr, es sollen bereits über 300 täglich sein. Während unseres Aufstiegs überholten uns vorwiegend Tanklastwagen und Autotransporter.

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